die Lebensgeister wecken

Der „ideale“ Morgen hat für mich mehrere Gesichter: ein gutes Buch lesen, schreiben, auf dem Balkon frühstücken, mit der Sonne um die Wette lächeln,… All diese Tätigkeiten vermitteln mir ein positives Gefühl und hinterlassen bei mir somit den Eindruck, etwas „Sinnvolles“ getan zu haben – was kann „sinnvoller“ sein als etwas, mit dem man am liebsten nie aufhören würde und bei dem man alles andere vergessen kann? Das nenne ich einen „guten Start in den Tag“. Und das Tolle daran ist: Wir können selbst entscheiden, wie wir den Tag beginnen. Freier Wille. Eine ganz exzellente Erfindung.

Eine weitere Beschäftigung, die für mich den Morgen „ideal“ macht, ist das Spazierengehen. Kaum etwas anderes vermittelt mir in solcher Intensität „am Leben zu sein“: die Lungen füllen sich tief mit frischer Morgenluft, die Sonne wärmt Herz und Gedanken, der Wind begleitet mich ein Stück, die Regentropfen spenden Leben.

Wenn ich untertags spazieren gehe, geht dieses Gefühl oft unter, da ich zu sehr abgelenkt bin von der ganzen Hektik und den vielen Eindrücken um mich herum. Auch wenn ich nicht in einer Großstadt wohne. Wenn zu viele Menschen, zu viel Verkehr, zu viel „Chaos“ um mich herum sind, fehlt mir schlicht und einfach die Konzentration und die Entspannung. Also ziehe ich Morgenspaziergänge vor.

Dennoch finde ich es spannend, wie unterschiedlich die Menschen sind, die mir auf diesen Spaziergängen begegnen: ein griesgrämiger Gärtner, eine Joggerin außer Puste, ein alter Herr im Anzug mit Tauchermaske auf dem Kopf, ein freundlich grüßender Student, eine Frau im Bleistiftrock mit Hund.

„Jeder von ihnen ist anders“, überlege ich im Vorübergehen, „obwohl sie doch eigentlich alle ‚gleich‘ sind. Und genau das macht sie so interessant. Warum ist das für manche so schwer zu verstehen…?“

„Achtung!“, warnt mich da plötzlich meine innere Stimme. Instinktiv bleibe ich stehen und atme auf, als ich sehe, dass ich beinahe in eine Statue hineingerannt wäre. „Das kommt davon, wenn man immer so abwesend ist!“, schimpft der da oben in meinem Kopf. Tsss, was weiß der schon? Ich bin nun mal ein Träumer und ich brauche das auch, um zu leben, um zu schreiben.

Ich hebe meinen Blick. Walther von der Vogelweide lächelt mich wissend an. Und ich könnte schwören, dass er mir gerade zugezwinkert hat.

„Du hast sie doch nicht mehr alle“, lässt mein innerer Kritiker verlauten.

„Ich weiß“, entgegne ich stolz. „Und so langsam glaube ich, das ist das Beste an mir.“

Das nenne ich mal einen fantastischen Start in den Tag.

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