Wie meine Großmutter sich in Luft auflöste – „largo“

Es sind nun fast zwei Monate. Mal abgesehen von den letzten zwei, drei Wochen sicherlich einige der längsten zwei Monate meines Lebens.

Es war so als hätte mir jemand den Wind aus den Segeln genommen. Als hätte jemand die Sauerstoffkonzentration in der Luft verringert. Als müsste ich mich durch dickflüssigen, hüfthohen Schlamm kämpfen.

Die ersten drei, vier Tage, damals nach ihrem Tod, dachte ich, ich überlebe das nicht. Es war alles so fürchterlich anstrengend. Tagsüber, wo alles so nah, so viel zu nah war, sehnte ich mich nach der erholsamen Nacht, die zumindest für ein paar Stunden vergessen lässt. Und nachts, als ich mich Stunde um Stunde hin und her wälzte und immer wieder von diesem großen, schwarzen Sarg in meinem Zimmer träumte, wünschte ich, die Sonne möge doch endlich aufgehen. Es war nicht die Hölle, aber ziemlich nah dran.

Ich nahm mir eine Woche Auszeit von der Uni. Daheim gab es genug zu tun und ich war froh, meine Hände und Gedanken irgendwie beschäftigen zu können. Dafür war es dann umso seltsamer, als ich eine Woche später in mein Studenten-Leben zurückkehrte: Ich kam am Sonntagabend in der Stadt an – mich empfing eine leere, unendlich stille Wohnung. Niemand um den ich mich kümmern konnte. Keine Ablenkung. Also war ich gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Das war fast so, als würde sie noch einmal sterben. Eine eigene Geschichte.

Damals schien es mir, als würde es immer so weitergehen, als würde es nie wieder aufhören. Doch es kam der Tag, an dem ich nicht mehr weinte. Es kam der Tag, an dem ich keine bösen Träume mehr hatte. Es kam der Tag, an dem ich bereit war, von ihr zu erzählen.

Wer weiß also, ob nicht auch irgendwann der Tag kommen wird, an dem ich sie wiedersehe.

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